Der
Spiegel, 1975
BAADER/MEINHOF
Müdes Auge
Monatelang
übersahen beamtete Mediziner die tödliche Erkrankung der BM-
Inhaftierten Katharina Hammerschmidt. Sie behandelten sie erst gar nicht,
dann mit Wasser Pillen.
Im
Gesicht aufgedunsen, pflaumengroße Verdickungen am Hals, fingerdick
gestaute Venen quer über der Brust - so erschien Katharina Hammerschmidt,
eben von der Untersuchungshaft befreit, bei einem Berliner Internisten
und bat um Untersuchung. Der Arzt ihres Vertrauens ermittelte einen kinderkopfgroßen
Tumor im Brustbereich.
Das war im Dezember 1973, und nur um anderthalb Jahre überlebte die
ehemalige Pädagogikstudentin den Befund. Vorletzten Sonntag, gegen
16.35 Uhr, starb sie im West-Berliner FU Klinikum Steglitz - dazwischen
wegen eines Sarkoms in ständiger durch den Pariser Krebsspezialisten,
Professor Georges Mathe.
Es waren "geschenkte Jahre", wie ihr Anwalt Otto Schily meint.
Denn was West-Berliner Amtspersonen als unabwendbares Schicksal erscheint,
beruht für andere auf Versäumnissen in der Haft, geriet nun
gar wie linke Demonstranten nach dem Tod verbreiten, zum "Justizmord".
Daß Ärzte der Berliner Vollzugsanstalten der BM- Genossin "zu
jeder Zeit ärztliche Betreuung" gewährten, "sofern
diese nicht verweigert" wurde, dessen ist sich die Justiz ganz sicher.
Ein "strafrechtlich relevanter Vorwurf" - so konterten erst
unlängst Strafverfolger die Anzeigen von Hammerschmidt- Anwälten
- sei keinem der Haftmediziner zu machen Doch das was noch übrigbleibt
provoziert Vorwurf genug: Sechs amtliche Mediziner, die die Patientin
über Monate beobachten, leisteten sich falsche Diagnosen und aberwitzige
Therapien.
Daß ein Krebsgeschwulst im Brustkorb der 29jährigen heranwuchs,
hätte sich bereits am 2. August 1973 erkennen lassen. Nach einer
routinemäßigen Röntgenkontrolle der Inhaftierten übersah
Schirmbildauswerter Jan Hinerk Husen, Medizinaldirektor und leitender
Arzt der Abteilung für Lungenkrankheiten des Berliner Haftkrankenhauses,
"offensichtlich" (Staatsanwaltschaft) außerhalb des Lungenbereichs
schmale Verschattungen - den späteren Herd.
Die Auswertung geschah nach anstrengendem Dienst. Verständlich, sekundiert
Gutachter Professor Walter Krauland, daß "im Drange der ärztlichen
Tätigkeit das auge ermüdet."
Knappe zwei Monate später, am 25. September, klagte die Kranke von
sich aus über Druckgefühl, Atem- und Schluckbeschwerden. Gleich
zwei Mediziner untersuchten und ließen - wegen Halsschwellungen
von 30 auf 36,5 Zentimeter - den Bereich der Schilddrüse röntgen.
eine behandlungswürdige "Verdrängung oder Einengung"
konnten die Ärzte indessen nicht ausmachen. Ein Vergleich mit der
ersten Aufnahme unterblieb Internist Hans Loeckel ordnete immerhin Wiedervorlage
an: "Bitte Halsumfang in einem Vierteljahr messen. Falls Vergrößerung
wieder Vorstellung."
Aber die unterblieb, abgesehen von gezielter Arztkonsultation - mal gegen
Juckreiz, mal gegen Schlafstörungen. Denn nunmehr, im Oktober, verweigerte
die gelegentlich hungerstreikende und längst entnervte Inhaftierte
(ein Arzt: "Exzessive Schreierin") weitere diagnostische Maßnahmen.
Doch auch so bemerkten die Doktoren, die nach eigenem Bekunden immerhin
auch nachts oder sonntags in die Zelle sahen, kaum Verschlechterungen.
Die augenfälligen Veränderungen der Katharina Hammerschmidt
führte das medizinische Personal - wie Anwalt Henner Kretsch referierte
- auf das "Brüllen und den Hungerstreik" zurück.
Daß bei Einflußstauungen gerade im Gesichts- und Halsbereich
sowie bei "tast- und sichtbar verdickten Venensträngen"
nicht nur die Schilddrüse betroffen sein müsse, daß angesichts
der klassischen symptome "bei fehlender anderer Ursache immer an
die Möglichkeit eines Mediastinaltumors" gedacht werden sollte,
hätten die Mediziner schon bei Professor Karl Heinrich Bauer, dem
Nestor der deutschen Krebsforschung, nachlesen können.
Selbst nachdem auf Drängen der medizinsch ungebildeten Verteidiger
wegen "Geschwulst- gefahr" schließlich ein externer Schilddrüsen
spezialist des FU- Klinikums zur Behandlung zugelassen wurde, ging es
weiter nach Moabiter Hausbrauch. Ärztin Dr. Ines Schattauer etwa,
die für den 29. November "Halsumfang 41 Zentimeter, weiche Schwellung
am Hals mehr als pflaumengroß" diagnostizierte, behandelte
die Todkranke mit Wassertabletten, täglich einmal einzunehmen.
Erst als sich nächtliche Erstickungsanfälle häuften, entschieden
die zuständigen Richter auf Haftverschonung. Zehn Tage später
fand der Internist Wilhelm Neubauer nach einer Röntgenuntersuchung
die richtige Diagnose.
Der private Facharzt, der im Gegensatz zu den Gutachtern der Staatsanwaltschaft
bei rechzeitiger Erkennung einen operativen Eingriff nicht ausschließen
möchte, kommentiert das Herumdoktern der Kollegen am Polit- Häftling:
"Medizinisch unverständlich" |