Freiheit
für die Gefangenen des 1. Mai 2004
Wer
am 1. Mai 2004 morgens aufgestanden ist, um gegen einen Aufmarsch von
NPD und Freien Kameradschaften in Lichtenberg/Friedrichshain zu demonstrieren
bzw. um bei den revolutionären Maidemonstrationen am Nachmittag gegen
Ausbeutung und Unterdrückung einzutreten, konnte nicht erahnen, dass
dieses Vorhaben möglicherweise ein halbes Jahr Untersuchungshaft
und weitere drakonische Strafen nach sich ziehen würde.
Nicht allen, aber etwa 100 von den linken AktivistInnen, die an diesem
Tage demonstriert haben ist es passiert. Die repressive Justizmaschinerie
ist plötzlich über sie hereingebrochen. Die in diesem Jahr bei
unverhältnismäßig vielen Verhafteten als vorläufige
Strafe eingesetzte Untersuchungshaft war nicht dazu da, um Ermittlungen
zu führen, sondern um die Verhafteten wenigstens bis zum Prozess
spüren zu lassen was Staat und Justiz von ihrer Kritik an der bestehenden
Gesellschaft halten.
Da viele Verhafteten bei einem normal ablaufenden Prozess wegen z.B. dem
ungezielten Werfen einer Flasche, niemals Haftstrafen kassieren würden,
musste das mit der Haft möglichst vorher passieren. Untersuchungshaft
bedeutet plötzliche Isolierung, bedingungslose Entmündigung
und sofortiges Beenden sämtlicher Beziehung zu anderen Menschen,
und das ohne Aussicht auf Änderung dieses nicht selbst gewählten
Zustandes. 23 Stunden am Tag allein, scheiß Essen, grobe Langeweile
und permanente Verhöre, Durchsuchungen und Erpressungen.
Im Zuge der letzten vier Monate wurden mehr als 80 Menschen wegen ihrer
Beteiligung an Gegenaktivitäten zum Naziaufmarsch, Teilnahme an den
revolutionären Maidemonstrationen und der Walpurgisnacht im Mauerpark,
meist durch erpressen von Geständnissen in der Untersuchungshaft
verurteilt und nach ihrem Prozess aus der Haft entlassen. Meist wurden
sie gerade noch so hoch verurteilt, dass die Justiz für die lange
Untersuchungshaftdauer keine Entschädigung zahlen muss und jetzt
für die Betroffenen ein paar Jahre Bewährung folgen.
Sie wurden im allgemeinen wegen Landfriedensbruch verhaftet, ein Vergehen
welches in seiner juristischen Handhabe eher einem Bungeejumping-Seil
entspricht als einem objektiven Rechtsverständnis (falls es so etwas
überhaupt gibt). Den Frieden des Pluralismus und der Demokratie,
eigentlich auch das deutsche Selbstverständnis als kritikfähige
Nation sollen sie gebrochen haben. Wenn die Möglichkeiten Rechtsextremismus,
fortschreitendem Sozialabbau und neoliberaler Ausbeutung entgegenzutreten
darauf beschränkt sind Entscheidungsträgern zustimmend zuzunicken
oder, wem’s eben nicht passt, Magengeschwüre zu kriegen und
sich verbittert zu fügen, dann sollte dieser Pseudo-Frieden öfters
als nur am 1. Mai gebrochen werden.
Wenn einige für das gesamte politische Protestpotential was am 1.
Mai unterwegs ist, verurteilt werden sollen, muss sich auch das gesamte
Protestpotential dagegen zur Wehr setzen. Antirepression unterstützt
also nicht nur die Gefangenen, sie verteidigt auch die verübten Formen
des Widerstandes. Solidarität ist unsere Waffe! |