Safer
Journalism
von unabhängige EAs und Rechtshilfegruppen - 07.04.2004 19:12
In
den letzten Jahren sind wir Rechtshilfegruppen vermehrt mit neuen Beweiserhebungsmethoden
der Strafverfolgungsorgane konfrontiert worden. Dieses neue Feld hat sich
durch die neuen Techniken und der vermehrten Nutzung des Internets linker
Zusammenhänge eröffnet.
Die einstmals als technikfeindlich verschrieene Linke nutzt vermehrt die
durch Internet und technische Hilfsmittel bereitgestellte Möglichkeit
zur unabhängigen Berichterstattung.
So kann häufig der Einsatz von Digitalkameras auf Demonstrationen
durch deren TeilnehmerInnen beobachtet werden. Einschlägige Internet-Seiten
wie zum Beispiel Indymedia Deutschland, der wohl bestbesuchtesten deutschsprachigen
Seite dieser Art, bieten durch die vereinfachte Publiziermöglichkeit
eine Informationsverbreitung, die mit klassischen Mitteln nicht realisierbar
wäre. Leider haben sich hierdurch einige Risiken ergeben, über
die wir zum Schutz linker Strukturen und Einzelpersonen eine Diskussionen
anregen wollen.
Die Vorteile der Publikationen im Internet liegen auf der Hand: innerhalb
kurzer Zeit nach Ende einer Veranstaltung, wie beispielsweise Demonstrationen
oder Kundgebungen, können Informationen über das Netz veröffentlicht
werden. Dabei kann eine Aktion von der Gruppe beschrieben werden, die
sie organisierte und trotzdem - unter Wahrung bestimmten technischer Vorsichtsmaßnahmen
- ihre Anonymität bewahren (nachzulesen z.B. im Rechtshilfe-Handbuch
"Durch die Wüste", Kapitel Computerunsicherheit, http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,56,7.html
). Aber auch z.B. bei großen Gipfelprotesten kann noch während
der Proteste durch eine Berichterstattung von der Straße durch eindrucksvolles
Bildmaterial eine Gegenöffentlichkeit geschaffen werden. Dazu ist
der Zugang einfach, fast umsonst und nicht nur in den westlichen Industrienationen
ohne großen Aufwand für fast Jede und Jeden erreichbar.
Dass Information per Internet schnell verbreitet werden können, ist
auch für öffentliche Mobilisierung vorteilhaft, insbesondere
für kurzfristige. Nachteilig ist, dass die Informationen auch der
Polizei zugänglich sind und sie dadurch aktionserschwerende Massnahmen
einleiten können. Dies gilt nicht nur für das Internet, sondern
für alle Medien über die eine Live-Berichterstattung, wie z.B.
Radio, machbar ist.
Neu ist die Möglichkeit, dass zu Aktionen nicht mehr nur schriftliche
Erklärungen verbreitet werden, sondern auch ein eindrucksvolles Bild
oder ein Videoschnippsel mit geringen Aufwand veröffentlicht werden
kann. Diese Dokumentation wird zumeist von in linken Zusammenhängen
eingebundenen FotografInnen und ReporterInnen oder bereits bestehenden
Mediengruppen übernommen. Um eine zeitnahe Präsentation erreichen
zu können, arbeiten diese Personen/Gruppen relativ eigenständig
und selten erfolgt eine Sichtung der Aufnahmen durch die AkteurInnen selbst.
Bei den meisten Internetseiten, die die Möglichkeit bieten, eigenständig
Materialien zu publizieren, entfällt die klassische Redaktion, die
sich bei der Nachbereitung des Bildmaterials den Überblick verschafft
und eventuell belastendes Material aussondern könnte. Selbst Materialien,
die keine Straftatbestände zeigen, können strafrechtlich relevante
Puzzelteile sein. Eine Aufnahme, die Menschen in einer unverfänglichen
Situation vor oder nach einer Aktion zeigen, können in Verbindung
mit anonymisierten Aufnahmen während der vermeintlichen (oder auch
nicht vermeintlichen) Straftat zu der Überführung von AkteurInnen
führen.
Da in der Praxis eine gemeinsame Auswahl der gemachten Aufnahmen, sprich
eine Autorisierung durch die AkteurInnen, zeitlich unmöglich ist
(Motto: nichts ist so alt wie die Zeitung vom Vortag), sollte im Vorfeld
abgesprochen werden, welche Szenen dokumentiert werden sollen. Je begrenzter,
beziehungsweise überlegter der Ausschnitt gewählt wird - zeitlich
wie auch räumlich -, je unbrauchbarer sollte das Material für
Ermittlungsbehörden sein. Falls es die Kapazitäten zulassen,
könnte eine Person, die mit dem Ablauf der Aktion vertraut ist, die
Dokumentation betreuen. Manchmal gibt es Zusammenarbeit mit ReporterInnen,
die wenig Verständnis für linke Konspirativität haben,
bei denen sich ein rigoroses Filmverbot nicht durchsetzen lassen wird.
Eine Beschränkung könnte gesetzt werden, indem die Person erst
zu einem konkreten Zeitpunkt zum Geschehen geführt wird. Leider ist
es selten möglich deren Material durchzusehen.
Da sich die unterschiedlichen Unsicherheitsfaktoren ergeben können,
sollte im Vorfeld die Pressearbeit unter diesem Gesichtspunkt diskutiert
werden. Nicht zuletzt sollte nie vergessen werden, dass auch bei der Beschlagnahmung
einer Digitalkamera viele Rückschlüsse auf den Aufenthaltsort
und -zeit der mitführenden Person gezogen werden kann, bzw. für
andere Menschen belastende Aufnahmen in die Hände von Polizei und
Staatsanwaltschaft fallen können. Diese Person könnte nicht
nur in Ermittlungen oder einem Verfahren als Beschuldigte, sondern als
Belastungszeugin/-zeuge herangezogen werden. In einem Prozess hat eine
Zeugin / ein Zeuge kein Aussageverweigerungsrecht und die Belastung anderer
zu verhindern kann schlimmstenfalls in Beugehaft resultieren. Im Gegensatz
zu konventionellen Kameras, bei denen es ausreicht den Film herauszuziehen,
um die gemachten Aufnahmen zu vernichten, ist es bei Digitalkameras nicht
so einfach. Wie bei allen digitalen Speichermedien können auch auf
den Datenträgern der Digitalkamera gelöschte Daten rekonstruiert
werden. Deshalb sollte gründlich überlegt werden, ob die Kamera
nicht doch lieber zu Hause bleibt. Bei manchen Demos entsteht auch der
Eindruck es gibt mehr Linke, die die Demo dokumentieren als an ihr teilnehmen;
aber das ist jetzt nicht unser Thema. Aber thematisiert werden sollte,
dass es einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Fotografieren und Filmen
auf Demos geben muss. Hilfreich sind klare Vorstelllungen seitens der
DemoveranstalterInnen, wie das Fotografieren reglementiert werden könnte.
Ebenso sollten TeilnehmerInnen vor Beginn der Demonstration sich informieren,
ob es Reglementierung hierzu gibt.
Nachrichtenseiten, wie Indymedia, haben in den letzten Jahren eine breite
Gegenöffentlichkeit entstehen lassen, die oft genug in bürgerlichen
Medien aufgenommen wurden - wenn auch in den seltensten Fällen mit
Quellenangabe. Leider haben die ModeratorInnen Indymedias nur nach der
Veröffentlichung die Handhabe Texte oder Bilder mit komprometierendem
Charakter zu entfernen. Für die ModeratorInnen muss auch nicht unbedingt
ersichtlich sein, welches Material strafrechtlich relevant werden könnte.
Auch ist es nicht die explizite Aufgabe der Moderationsgruppe dies zu
tun. Eine Entfernung oder eine Entschärfung eines Beitrages kann
bereits zu spät erfolgen, wenn Ermittlungsbehörden das Material
bereits kopiert haben. Also muss die Selbstverantwortung und Selbstkontrolle
der NutzerInnen diese Aufgabe übernehmen.
In ihren Moderationskriterien Indymedias kann nachgelesen werden, dass
es sich um kein Diskussionsforum handelt. Dennoch ist häufig zu beobachten,
dass die Funktion inhaltliche Ergänzung unter Beiträge zu setzen,
für Kommentare und Diskussionen missbraucht wird. Jede Gegendarstellung/Kommentar
gibt Details über die NutzerIn oder einer Gruppe preis, wobei die
Konsequenzen selten absehbar erscheinen. Unter dem Gesichtspunkt der Repression
stellt sich hier die Gefahr ein, dass gezielte Provokationen auftauchen,
die Veröffentlichung von Internas herausfordern. Dasselbe gilt auch
oft für Kommentare aus dem Bereich "linke Grabenkämpfe".
Die Erwartungshaltung an eine unverzügliche Dokumentation ist mittlerweile
in linken Zusammenhängen recht groß. Der größte
Teil der bei Indymedia veröffentlichten Beiträge sind mit Einweg-Pseudonymen
signiert und selten lassen Inhalt und UnterzeichnerInnen darauf schließen,
dass die Beiträge nicht von Einzelpersonen verfasst wurden. Problematisch
erwiesen sich die Vorstellung der NutzerInnen darüber, was zu veröffentlichendes
Material sein könnte und was lieber im Wald besprochen werden sollte.
NutzerInnen wägen sich durch ihren scheinbar anonymen Zugang sicher
und übersehen dabei schnell, dass der Inhalt für sie oder andere
trotz dessen strafrechtliche Folgen haben kann. Deshalb ist es mehr als
nur ratsam vor einer Veröffentlichung weitere Personen den eigenen
zukünftigen Beitrag gegenlesen zu lassen und idealerweise ihn in
den eigenen Bezugsgruppe oder -zusammenhängen zu diskutieren.
Leider scheint gutes und sicheres Bildmaterial oft ein Gegensatzpaar zu
bilden. Aber gerade weil wir in dieser Zwickmühle stecken, sollten
wir so problembewusst wie eben möglich handeln. Immer wenn Teile
unserer Strukturen kriminalisiert werden, braucht es viel Kraft für
die Soli-Arbeit. Solidarität wird immer ein Zeichen unserer Stärke
sein ... und ein Zeichen unserer Umsicht ist es, wenn wir so wenig belastendes
Material wie möglich beisteuern.
unabhängige
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