Wo
sitzen denn jetzt eigentlich die „versuchten Totschläger“
in der Gefängnis-Verwaltung oder in den Gefängniss Zellen?
Ein
Redebeitrag der Christian Soligruppe
Wer sich gezwungenermaßen etwas
mit den Verhältnissen in Untersuchungshaft, der medizinischen Versorgung
und der hohen Sterblichkeit in Moabit beschäftigt, dem wird schnell
klar wie sehr man den Verschweigungsstrukturen und institutionalisierten
Gewaltverhältnissen hinter Gittern ausgeliefert ist, das hier Menschen
nicht nur psychisch sondern auch physisch gebrochen werden.
Aktuell hört man von fünf Angestellten
der JVA Moabit die beschuldigt werden Medikamente, die für Gefangene
bestimmt waren, jahrelang unterschlagen und zum Teil verkauft zu haben.
Die Anstaltsleitung wollte die Unregelmäßigkeiten zuerst verschleiern,
brauchte einen Monat, um sich dann doch bei der Polizei zu melden und
wies, wie die Jahre zuvor, alle Vorwürfe als Hirngespinnste zurück.
Selbst als wir über die Linkspartei.PDS Anfragen stellten logen uns
die Verantwortlichen dreist ins Gesicht.
Als Christian S. über seine Krankenakte beweisen wollte das seine
Ärzte insbesondere der Haftarzt Dr. Rainer Rex seine Medikamentation
eigenwillig beschränkte, „verbummelte“ oder umstellte
wurde ihm seine eigene Akte zur Einsicht gesperrt. Häftlinge, die
in Arztgeschäftsstellen arbeiten, berichten, dass die zusätzlich
gelieferten Medikamente in den Krankenakten der Gefangenen vermerkt wurden
und damit als verabreicht galten. Einsicht in diese Akten bekommen die
Häftlinge aber nicht. Es sei ein „offenes Geheimnis“,
dass mit den teuren Medikamenten gehandelt werde.
Die misserable gesundheitliche Versorgung im Untersuchungsgefängniss
Moabit ist aber nicht nur auf das Fehlverhalten einiger Beamter zurückzuführen,
sondern strukturell. Das Fernsehmagazin KLARTEXT deckte die ganze Geschichte
auf und sorgte so für neuen Zündstoff.
Anfang Februar 2007 erklärte die
SPD Politikerin Gisela von der Aue, ihres Zeichens Justizsenatorin von
Berlin, dass eine dienstliche Verbindung derjenigen Arbeitsgruppenmitglieder
die ein Fehlverhalten zunächst nicht erkennen konnten, zu den involvierten
Arztgeschäftsstellen des Berliner Justizvollzugs nicht besteht.
Warum diese Aussage? Sie wurde nötig, weil inzwischen bekannt ist,
dass in Moabit die Leitende Anstaltsärztin die Ehefrau des Staatssekretärs
Christoph Flügge ist und dieser jahrelang die Fachaufsicht hatte.
Auch Gisela von der Aue selbst ist beziehungsweise war ins Abgeordnetenhaus
eingeheiratet: Die 1949 geborene Juristin ist mit Hartmann von der Aue,
dem damaligen Direktor des Abgeordnetenhauses von Berlin, verheiratet.
1968 trat sie als Studentin der SPD bei und war von 1980 bis 1994 als
Referentin im Abgeordnetenhaus tätig.
Selbst Rainer Rex, Direktor des Haftkrankenhauses
bezeichnet das Haftkrankenhaus in Moabit als menschenunwürdig. In
Plötzensee wurde nun ein neues Haftkrankenhaus, unter der Leitung
von Rüdiger Tietze, mit 125 Plätzen erichtet. Die Justizverwaltung
hat wegen der menschenunwürdigen medizinischen Versorgung in den
letzten Jahren ein Auge zugedrückt, damit keine Gefangenen in öffentlichen
„seriöseren“ Krankenhäuser behandelt werden mussten.
In der Ärztezeitung wird das von Rainer Rex dem Leiter des Haftkrankenhauses
rational so begründet: "Die Gefängnisleitung muß
etwa zehn Wachmänner bereitstellen, wenn ein Patient für eine
Woche in ein Krankenhaus in der Freiheit kommt". Als Arzt sei man
angesichts dieses Aufwands dazu gezwungen, die Höhe der Latte, ab
der man die stationäre psychiatrische Behandlung eines Kranken für
unausweichlich hält, etwas zu veschieben. Ob sich mit dem neuen Haftkrankenhaus
jetzt etwas an der Knast-Todesstatistik ändert, wird sich zeigen.
Der nun resignierte Leiter des Haftkrankenhauses hat eine enorm hohe Knast-Todes-Statistik
zu verantworten. Und gerade er ist es, der sich in der Ärztezeitung
über seine missliebigen Patienten beschwert: "der Patient sehe
den Arzt zuweilen als Feind, Gegner oder Angriffsscheibe."
Das viele Inhaftierte schlichtweg um ihr Leben fürchten kann er nicht
verstehen, und ärgert sich über Gefangene die nicht einsehen
wollen, dass man bei stundenlangen Aufenthalt in einer Minizelle über
40 Grad ohne Trinken nicht eines „natürlichen Todes“
sterben kann.
Krankheit im Knast ist so unangenehm wie draußen, aber durch die
mangelhafte Behandlung kommt es zu erheblicheren Beeinträchtigungen
der Gesundheit und auch der psychischen Verfasstheit der Gefangenen. Den
Inhaftierten ist eine eigene Behandlung (durch bspw. eigene Medikamentierung)
untersagt. Gerade kürzlich fand das Robert-Koch-Institut heraus,
dass es rund 50 Tuberkulosefälle jährlich im Berliner Strafvollzug
gibt - draußen findet man solche Prozentzahlen noch nicht einmal
in sogenannten „Entwicklungsländern“.
. Bis zum 8. August 2006 gab es laut Senatsverwaltung der Justiz 16 Tote
in den Berliner Haftanstalten: Todesursache war 6 mal unbekannt, 8 mal
Selbstmord, 1 mal Selbstmord durch Drogen, 1 mal Verletzung. Abgesehen
davon, dass es schlicht keinen „Freitod“ hinter Gittern geben
kann ist es doch bemerkenswert, dass in der JVA Tegel die Todesursache
prinzpiell immer unbekannt ist, in der JVA Moabit aber immer Selbstmord
diagnostiziert wird. Bis zur 32-igsten Woche des Jahres 2006 starb durchschnittlich
alle 15 Tage ein Gefangener, danach wird plötzlich keiner mehr gemeldet.
Die Senatsverwaltung für Gesundheit meldete Anfang Januar 2007 die
Zahlen für Drogentote des Jahres 2006. Demnach sollen 2006 auch 5
Gefangene durch Drogen ums Leben gekommen sein (die Justizverwaltung meldet
hingegen genau Einen). Entweder sind Kriterien der verschiedenen Verwaltungen
bezüglich Drogentoten komplett unterschiedlich oder die Justizverwaltung
fälscht bewusst ihre Zahlen um.
Schon Mitte 2006 haben wir zusammen mit
Häftlingen mehrere Pressemitteilungen der Justizverwaltung als unrichtig
entlarven können. Etliche Selbstmorde waren keine sondern durch die
Behandlung oder besser Nichtbehandlung von psychischen und physischen
Notlagen geschuldet. Als Reaktion darauf hiess es durch Gisela von der
Aua aus Rücksicht auf den Datenschutz blieben die Todeszahlen zukünftig
geheim.
Wer einer Justiz vorsteht die die Post der Gefangen kontrolliert, nicht
durchlässt, Zeitungen beschränkt, Gespräche mithört
und alle Nase lang Zellen durchsucht braucht sich nicht auf einmal den
Datenschutz verschreiben.
Wenn jetzt der Tagesspiegel titelt „Kriminalität hinter Gittern:
Justizsenatorin räumt auf“ ist das mehr als ein schlechter
Witz, denn Gisela von der Aue entlässt einen Staatssekretär
wegen des Medikamentenhandels von ihrem Gefängnispersonal. Wobei
der geschasste Christoph Flügge - damals durch den Grünen Wolfgang
Wieland ins Amt geholt - eher als noch halbwegs liberal bekannt war und
vielmehr ein passendes Bauernopfer der jetzigen Justizsenatorin zu sein
scheint.
Flügge soll für die Nichtweitergabe von Dienstanweisungen die
Verantwortung tragen. Der 59-jährige Jurist und frühere Richter
wurde 1989 Leiter der Vollzugsabteilung der Justizverwaltung und war damit
zuständig für alle Berliner Haftanstalten. Im Juni 2001 wurde
er Staatssekretär.
Die nächsten Posten hat Aue schon ins Auge gefasst, eine Verbesserung
ist bei den ins Gespräch gebrachten Personen nicht zu erwarten: Ihr
ehemaliger Büroleiter und enger Vertrauer Werner Heinrichs. Er kommt
aus Brandenburg, wo von der Aue zuvor Präsidentin des Landesrechnungshofes
war und der ehemalige Leiter des brandenburgischen Verfassungsschutzes,
Hasso Lieber. Er soll ebenfalls ein enger Vertrauter der Senatorin sein.
Im
"Biotop JVA" sind die Seilschaften, die meist in den oberen
Etagen zu finden sind, schwer zu kappen. Die Justiz und die JVA Leitung
meiden die Öffentlichkeit wie der Teufel das Weihwasser. Maulkörbe
zur Selbstmordstatistik, verschlossene Krankenakten, einbehaltene Post,
Besuchsverbote sind nur die Spitze des Eisberges – hinter Gittern
kann man schlichtweg wegsterben ohne das draußen davon irgendetwas
mitgekriegt werden kann.
Daher
ist eine kritische Öffentlichkeit von und mit Gefangenen umso wichtiger,
informiert uns, schaut auf unsere Internetseite: www.freechristian.gulli.to
oder einfach „Soligruppe Christian S.“ googeln.
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