Aktuelle Situation in den Berliner Knästen Wir
stehen heute hier, weil wir konkrete Anliegen haben. Unsere Genossen Oliver,
Axel und Florian sitzen hinter diesen Mauern. Ihr persönliches Schicksal
bewegt uns nicht nur heute. Wir fühlen mit ihnen und sie wissen,
dass wir hier sind. Das gibt ihnen, aber auch uns Kraft. In
Großbeeren wird bis 2012 ein privatisierter Knast gebaut, weil die
Berliner Haftanstalten überfüllt sind. Die Gefängnispopulation
wächst bundesweit, ohne dass die Kriminalität steigt. Die Ursache
dafür finden wir in den Gerichtssälen. Nicht nur gegen politische
AktivistInnen, sondern allgemein ist die Rechtsprechung sehr viel härter
geworden. Die Zahl der Inhaftierten mit lebenslänglicher Haftstrafe
hat sich seit 1990 verdoppelt. Je härter die Urteile und länger
die Strafen, desto mehr Haftplätze sind belegt. In Berlin wird bei
weniger als 10% die 2/3 Regelung angewandt. Hinzu kommen die Sicherungsverwahrungen,
also jene, die nach Absitzen ihrer Strafe weiterhin ohne Aussicht auf
Freiheit in Haft bleiben müssen. Die Zahl hat sich seit 2004 verdoppelt. Im
Januar hatten wir den ersten Toten in der JVA-Moabit für dieses Jahr.
So was wollen wir heute nicht hören – real ist es leider trotzdem. Dauerthema
ab April war der Jugendstrafvollzug. Die Justizsenatorin hatte ein neues
Vollzugsgesetzt auf den Weg gebracht, in dem Isolationshaft und weniger
Post für die Jugendlichen möglich wird. Oberstaatsanwalt Roman
Reusch nimmt das Thema brav auf und prahlt damit Untersuchungshaft als
Erziehungsmittel einzusetzen. Dafür musste er seinen Schreibtisch
räumen. Innensenator Körting hat ähnliches schon 2005 gefordert
und ist immer noch im Amt. Im Juli hatten einige Gefangenen in der JVA-Tegel angekündigt gegen die Doppelbelegung in Ein-Mann-Zellen vor dem Europäischen Gerichtshof zu klagen. Während Anstaltsleiter Nitschke ihnen riet die "Füße still zu halten" machte die sensationsgeile Presse das ganz groß auf. „Meuterei geplant“, war da zu lesen. Hätten wir gern. Leider war das nur eine Zeitungsente. Dafür aber mit handfesten Einschnitten für die Gefangenen. Die CDU forderte sogleich Maßnahmen gegen die angekündigte Meuterei einzuleiten. Die Justizsenatorin antwortete mit einem Gutachten der Unternehmungsberatung Kienbaum, in der Sicherheit und Personalabbau gleichzeitig zu haben ist. Wir zitieren einen Satz: "Durch ein Vorziehen des Einschlusses von 22 Uhr auf 18 Uhr könnten 1644 Arbeitsstunden im Spätdienst gespart werden.“ Im
August gab es Beschwerden weil vergammelte Lebensmittel in der JVA-Tegel
ausgeteilt wurden. Außerdem kritisieren Gefangenen in den JVAs die
Privatisierung der Telefonanlagen. Die Firma Telio soll sämtliche
Telefongespräche der Haftanstalten abhören und auch noch das
vielfache der handelsüblichen Kosten erheben. Kurzum, wer Zeitung und den Pressedienst des Abgeordnetenhauses liest, weiß dass es abgeht, auch ohne dass Oliver, Axel und Florian sitzen. Je
mehr Freunde und Genossen wir hinter diesen Mauern zugerufen haben, desto
größer wurde nicht nur unsere Wut sondern auch unser Wissen
über diesen komplizierten Apparat. Unsere kleine Aufzählung
macht deutlich, dass wir keiner unsensiblen Maschinerie gegenüberstehen.
Machterhalt, Ehrverlust und Konkurrenzdruck sind die Triebfedern der politischen
Verantwortlichen. Wenn wir es schaffen in dem Diskurs um die Situation
in den Haftanstalten Gewicht zu erlangen, sind Verbesserungen nicht nur
für unsere Genossen sondern auch für alle anderen Gefangenen
drin. Den Gefangenen eine Stimme geben heißt auch sich mit deren
Angehörigen zusammenzutun und gemeinsam gegen die menschenfeindliche
Straflust des Staates zu agieren. Mehr
zur Situation in den Haftanstalten auf freechristian.gulli.to |