Indymedia, ein alternativer Verfassungsschutz ?
Dieser Beitrag ist ein Bericht über Indymedia, seine Nutzer und seine Nutzniesser. Er ist als konstruktive Kritik gegenüber allen Idealisten und Utopisten auf diesem Gebiet und als vernichtende Kritik gegenüber denen zu verstehen, die diese Utopien unmöglich machen.

Indymedia, ein alternativer Verfassungsschutz?
Böse Zungen haben immer wieder behauptet die Antifa sei so etwas wie der alternative Verfassungsschutz. Das inzwischen professionalisierte Recherchieren in und über Nazistrukturen, das regelmäßige Veröffentlichen der Ergebnisse und die Kontinuität mit der diese Aufgaben erledigt werden haben dem Bundesamt für Verfassungsschutz und sicher auch anderen Geheimdiensten des öfteren beste Ergebnisse verschafft, wenn das auch seitens der Antifaschisten meistens nicht bezweckt wurde. Zumindest nicht auf diese Art. Insofern kann die Antifa, was Rechercheergebnisse Rechts angeht, polemisch als alternativer Verfassungsschutz bezeichnet werden.
Die Aktenschränke des Bereichs "Linksextremismus" haben diese Strukturen allerdings äußerst selten mit besonders guten Ermittlungsergebnissen bedient. Das kann der Antifa beim besten, oder besser schlechtestem Willen nicht vorgeworfen werden. In diversen veröffentlichten Berichten der Behörden wird immer wieder die außergewöhniche Klandestinität, die Verschwiegenheit dieser Szene bejammert.
Diese erschwerten Bedingungen für staatliche Ermittlungsarbeit haben viele Verfahren gegen Einzelpersonen und Strukturen im Sand verlaufen lassen. Selten wurde auch nur ein Ansatz für die Ermittlungen gefunden, denn über die Strukturen war den Beamten selten wenig bekannt.
Heute ist das anders. In diversen Internetforen werden die Zusammenhänge, Streitereien und kleinen und grossen Unterschiede der verschiedenen Strömungen, Gruppen und Einzelpersonen ausreichend reproduziert. Allen voran ein Projekt, welches eigentlich gar kein Forum ist, Indymedia.
Mit Berichten, Fotomaterial und Ergänzungen, welche eigentlich meistens nichts als individuelle Kommentare sind, liefert Indymedia fast alles was für den Verfassungsschutz interessant sein könnte. Zwar gibt es klare Richtlinien seitens der Moderation, jedoch hält sich in der Regel Niemand daran.

"Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit"
Das interessanteste an Indymedia dürfte für die Ermittler der Bereicht "Ergänzungen" sein, besonders hervor zu heben sind hier "Ergänzungen", welche "keine inhaltliche Ergänzung darstellen". Hier wird dem aufmerksamen Leser alles klar. Wer mit wem, wer nicht mit wem und warum, wer wann, wer was, wer wann was und wer wann was nicht und warum.
Leider glauben die Macher von Indymedia, trotz jahrelanger praktischer Erfahrung, immernoch an die hundertprozentig aufgeklärten und emanzipierten Linken, die mit einer Informationsplattform wie Indymedia und den Informationen über linke Zusammenhänge verantwortungsvoll umgehen können. Daher wird bei Verstössen gegen die Richtlinien in 99 von 100 Fällen ein Auge zugedrückt. Zu schnell würde das Löschen von Nicht-Ergänzungen in unkontrollierbare Zensur ausarten. Und das wäre dann ohne Frage nicht mehr Basisdemokratisch. Ein sehr nobler und richtiger Ansatz, der des weiteren seit Jahren konsequent durchgesetzt wird. Doch, um es mit der Einsicht der Musiker von Tocotronic zu formulieren, "die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit". Denn wir leben in einer Gesellschaft, in der es immernoch Repression und Unterdrückung gibt. Auch in der BRD werden Menschen verfolgt, die sich nicht an die Normen und Werte dieser so genannten Zivilisation halten wollen und irgendwann zwangsläufig die Gesetze brechen, die auf genau diesen Normen und Werten fußen. "Es gibt kein richtiges Leben im Falschen", auch dieses in der BRD Linken oft verwendete und selten verstandene Adorno-Zitat könnte das Dilemma auf den Punkt bringen.
In der Praxis sieht es so aus, daß eine Hand voll Szenegänger mit einem Faible für Computer, das Internet und Indymedia ausreichen, um den fortschrittlichen Ansatz von Indymedia in ein Desaster für die nichtkonformistische Linke verwandeln. Ich will nicht sagen, daß nur eine Handvoll dieser Praxis nachgeht, denn das wäre vermutlich nicht war, aber das Ergebnis ist so oder so das Gleiche. Auf die Ergebnisse dieser Praxis muss ich hier nicht näher eingehen, die haben sich in den letzten Jahren ausreichend gezeigt. Mund zu Mund Mobilisierungen sind ab einer bestimmten Größenordnung faktisch unmöglich geworden, denn irgendein selbsternannter Medienaktivist macht garantiert vorher ein Posting auf und die Bullen wissen bescheid. Etliche Ermittlungen wurden aufgrund von Informationen von Indymedia aufgenommen und bei etlichen hat der inzwischen ermöglichte Einblick in Strukturen zu Erfolgen geführt. Die Aktivisten auf der Straße werden mehr und mehr handlungsunfähig gemacht.

Spalter, Nazis und Antikommunisten entdecken Indymedia
Zur wachsenden Handlungsunfähigkeit tragen auch diverse andere Entwicklungen bei und die Existenz von Indymedia ist sicherlich nicht für Alle mit verantwortlich. Aber zumindest für eine davon, denn Spalter, Nazis und Feinde der Linken haben das Konzept der Kommunikationsguerilla für sich entdeckt und erstellen wahrscheinlich fleißiger Beiträge, als die Moderation und die "naziposting löschen" Schreiber sich träumen lassen würden. Die Anonymität bei Indymedia hat nähmlich auch ihre Schattenseiten. Es kann nach belieben gegen Projekte und Einzelpersonen aus der Linken gehetzt werden, Gräben werden aufgemacht, oft auch neue Gerüchte produziert und Niemand muss sich dafür verantworten. Müssten die Hetzer ihre Namen beziehungsweise den Namen ihres Zusammenhangs angeben, könnten sie für das Geschriebene politisch verantwortlich gemacht werden. Das würde das Verbreiten von Gerüchten und die Hetze erheblich einschränken und Unterstellungen müssten fundiert werden, was auch der Seriösität von Indymedia nicht schaden und die Spaltungen innerhalb der Linken reduzieren würde. Das sich auch die eben erwähnten Nazis einen Spaß aus diesem Projekt machen kann in einschlägigen Foren nachgelesen werden.

Fortschritt bedeutet Veränderung

Abschließend lässt sich anmerken, daß Indymedia auch viele Vorteile hat, sie überwiegen sogar. Indymedia bietet Nachrichten ein Forum, die sonst nur schwer Eins finden. Indymedia politisiert und mobilisiert, es kann neue Horizonte öffnen und ist sehr aktuell. Es würde wahrscheinlich nicht schaden die Beiträge erst anzusehen bevor sie tatsächlich abrufbar sind, das trifft auch und besonders für "Ergänzungen" zu, die auch Ergänzungen sein sollten, und es würde wahrscheinlich auch nicht schaden die Kriterien für eine Nichtveröffentlichung zu verschärfen.
Bitte seht diesen Beitrag als konstruktive Mitarbeit am Projekt Indymedia und als Gedankenanstoß für die Zukunft. Mit freundlichem Abschied - Anna und Arthur...


nachzulesen unter de.indymedia.org/2005/01/104809.shtml