Freies
Sender Kombinat Hamburg fasst den Fall Christian S. zusammen
Angriffe der Justiz auf linke AktivistInnen. Fallbeispiel Christian aus
Berlin
Im
Umgang mit linken Demonstrationen hält sich die Berliner Polizei
mit wachsendem Erfolg an ihr "Konzept der ausgestreckten Hand".
Statt wegen jeder Kleinigkeit einzugreifen, übt sie sich in vornehmer
Zurückhaltung. Gerät aber ein bereits bekannter Politaktivist
ins Blickfeld, schlagen Polizei und Ermittler umso erbarmungsloser zu.
Mit am schwersten getroffen hat es den Antifaschisten Christian aus Berlin.
Am 13. Februar beteiligte er sich an den Aktivitäten gegen den Aufmarsch
von 5000 Neonazis wegen der Bombardierung Dresdens 1945. Berliner LKA-Zivilbeamte,
die im Verfahren nur als Nummern statt mit Namen auftauchen, beschatteten
ihn dabei und wollen ihn beim erfolglosen Flaschenwurf auf Polizeibeamte
beobachtet haben. Eine halbe Stunde später nahm ihn eine andere Einheit
fest und er kam in Dresden, aufgrund immenser polizeilicher Realitätskonstruktion,
wegen schweren Landfriedensbruch in Untersuchungshaft. Für ihn begann
erneut eine Prozedur, die er schon ein halbes Jahr zuvor mitmachen durfte.
Im Jahr 2000 war er wegen eines Steinwurfs am Rande einer NPD-Demo am
Brandenburger Tor in Berlin zu eine Bewährungsstrafe verurteilt worden.
Kurz vor dem Ablauf der Bewährungszeit kam ihm der 1. Mai 2004 bzw.
ein Naziaufmarsch in Berlin-Friedrichshain dazwischen. Der Versuch einen
PKW in eine brennende Barrikade zu verwandeln schlug zwar fehl, brachte
ihm aber dennoch im Dezember 2004, nach sechs Monaten Untersuchungshaft,
ein Urteil zu drei Jahren Haft ohne Bewährung ein. Die Berufung läuft
zur Zeit noch.
Sein politisch geführter Prozess mit 50 ständigen BeobachterInnen
muss nun für seine neue Inhaftierung herhalten: Während sonst
das nicht vorhandene soziale Umfeld bei vielen Garant für Untersuchungshaft
ist, gibt es bei Christian wiederum aufgrund des sozialen Umfeldes Bedenken
ob er dieses nicht zur Flucht nutzen könnte. Auch seine Arbeit als
Pfleger und sein fester Wohnsitz konnten den Haftrichter nicht überzeugen
den Haftbefehl außer Vollzug zu setzen.
Drei Wochen nach seiner erneuten Inhaftierung im Februar wurde er von
Dresden nach Berlin-Moabit verlegt, da der Staatsanwaltschaft Fenner sich
nach ihm die Finger leckte. Bis Moabit durchlebte Christian eine mehrwöchige
Odyssee mit Stationen wie Bautzen, Cottbus, Frankfurt/Oder und Spremberg.
Geld, was ihm auf sein Dresdener Knastkonto eingezahlt wurde, ist nach
der Überstellung nach Berlin natürlich wie vom Erdboden verschwunden.
Und nun hockt er schon wieder unter erschwerten Haftbedingungen in einer
Sechs-Quadratmeter-Zelle ohne Tageslicht im Moabiter Untersuchungsgefängnis
und wartet auf seinen neuen Prozess.
Hier gehen die üblichen Schikanen natürlich weiter: Öffnen
von Anwaltspost bei Zellendurchsuchungen, verzögerte Brief- und Telegrammausgabe,
Zeitschriftenbeschlagnahme, Besuch nur unter Aufsicht oder gar keine Zulassung
von bestimmten BesucherInnen z.B. seine Verlobte. Außerdem werden
von UnterstützerInnen hereingegebene Geräte von den Beamten
mutwillig zerstört und die sog. „Überprüfung“
ihm doppelt in Rechnung gestellt. Seit neuestem ist in Berlin dafür
die Firma Elektro Freiberg GmbH, Beusselstr. 80, 10553 Bln. zuständig,
die bisher nicht nur bei Christians Geräten „etwas unvorsichtig“
war.
Erschwerend kommt hinzu, dass bei Christian eine schwere Hepatits C Erkrankung
festgestellt wurde, die selbst der Knastarzt in den nächsten zehn
Jahren als tödlich diagnostiziert. Die notwendigen Medikamente werden
ihm nicht rechtzeitig gegeben oder auch mal ganz eingestellt und die Nebenwirkungen
nicht ausreichend behandelt. Sogar homäopathische Medikamente, die
nur begleitend zur Therapie gegeben werden sollten, wurden ihm die ersten
zwei Monate verweigert. Selbst in Freiheit sind die Medikamente gegen
Hepatitis C schwer verträglich und führen zu starken Depressionen
(Zitat aus dem Beipackzettel „Kann zu suizitären Neigungen
führen“), die bei täglich 23 Stunden Einzelhaft natürlich
voll reinschlagen. Die nur sechs Quadratmeter große Zelle, verstößt
sogar gegen die europäische Richtlinie, die etwa 10 Quadratmeter
pro Gefangenen als Optimum vorschlägt. Der Bewegungsverlust und die
schikanösen Haftbedingungen führen im Zusammenhang mit seiner
Krankheit zu erheblichen psychischen Belastungen. Hafterleichterung wird
ihm, dem unverbesserlich Politaktivisten natürlich verwehrt.
Währenddessen verlängert der Staatsanwalt das Ende der polizeilichen
Ermittlungen immer weiter, um Christian noch länger in Untersuchungshaft
zu halten. Die ganze Prozedur hat nur ein Ziel, einem eventuellen Freispruch
die Haft bis zum Prozess vorwegzunehmen und ihm politische Arbeit zu verunmöglichen.
Nicht zu vergessen geht es um eine Flasche, die aus einer Menge heraus
auf die freie Straße geworfen worden sein soll, was zur Konstruktion
des „schweren Landfriedensbruch“ und damit zur Strafverschärfung
herhält.
Alles was Christian gerade passiert, dieser unglaubliche Aufwand den Bullen
und Justiz betreiben, um Menschen zu brechen, geschieht ständig,
unbemerkt und unveröffentlicht. Jetzt, wo der 1. Mai und auch der
8. Mai bevorstehen, ist es wichtig die verstärkten Angriffe der Staatsmacht
auf linke Politik öffentlich zu thematisieren. Sich damit abzufinden
und aus Angst vor Repression Politik einzuschränken, kann keine Lösung
sein.
Gefangene brauchen Unterstützung und politische Gefangene haben zumindest
eine Szene hinter sich, die solche Repressionsschläge abfedern können
sollte. Daher: Repression mit Solidarität beantworten! Linke Politik
verteidigen!
(auche erschienen in Rote Hilfe Zeitung Juni 2005)
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