Aufruf
von antifaschistischen Gefangenen zum 18. März
Unser Vorschlag den Tag der politischen
Gefangenen thematisch und praktisch auszuweiten ist etwas Berlin lastig,
weil sich im letzten Jahr die Skandale zum Thema extrem häuften.
Die angesprochenen Probleme sind natürlich bundesweit in ähnlicher
Konstellation anzutreffen. Von der radikalen Linken sind die Auseinandersetzung,
die es in den letzten Jahren in den Knästen gegeben hat weitgehend
ignoriert worden, vielleicht weil es auch nur wenige „eigene“
Gefangene gab. Spektakuläre Angriffe von Beamten auf Inhaftierte
oder umgekehrt, sowie Todesfälle und kleinere Revolten wurden in
der Tagespresse mit leiser Kritik an der jeweiligen Justizsenatorin registriert
und abgehakt. Die Distanz zwischen den „sozialen“ Gefangenen
und der Anti-Knast-Bewegung draußen, konnte dabei nie überwunden
werden. Die geringe Relevanz der Widerstandsebene Knast für autonome
Politik mag an der schlechten Erfolgsaussicht liegen, abgesehen von Freilassungskampagnen
für einzelne Gefangene zeigt sich das deutsche Strafsystem unbeeindruckbar.
Zudem sind die meisten Gefangenen kein revolutionäres Potential,
sondern genau so reaktionär wie der Bevölkerungsdurchschnitt
draußen, sie sind lediglich durch geringere Gesetzestreue in einen
harten Existenzkampf geraten. Die Notwendigkeit die gegenwärtige
Haftpraxis zu bekämpfen ergibt sich aus folgendem:
Alle die irgendwie am System rütteln können ihre Freiheit verlieren.
Wenn wir es schaffen in der Debatte über die Situation in den Haftanstalten
Gewicht zu erlangen, sind Verbesserungen nicht nur für unsere GenossInnen,
sondern für alle Gefangenen drin. Nicht zuletzt springt noch was
für jedeN von uns raus: Je kompetenter wir im Umgang mit staatlicher
Repression werden, desto weniger hart trifft sie uns in Zukunft. Unsere
Verunsicherung hält sich dann in Grenzen, wenn wir plötzlich
den roten Haftbefehl in den Händen halten.
Der Wille des Staates nicht nur humanitäre Prinzipien, sondern auch
seine eigenen Gesetze zu brechen zeigt sich in einer Justizvollzugsanstalt
deutlicher als an den übrigen Gehorsamkeitskorridoren die in unseren
Alltag geschlagen wurden. Die Existenz von Obrigkeit und Untertan ist
zwingend an die Angst der Untertanen gebunden. Die Disziplinierung durch
Videokameras und Wachschutzschergen funktioniert nur, weil als letzte
Instanz der Knast existiert. Die Parole „Weg mit allen Zwangsanstalten“
ist richtig, aber in der gegenwärtigen Situation illusorisch. Um
die Situation der jetzigen und zukünftigen Gefangenen zu verbessern
ist Druck auf konkrete Punkte der Justiz erforderlich und zwar für
diese Probleme, über die Konsens unter den Gefangenen besteht.
In Deutschland kommen überdurchschnittlich (im europäischen
Vergleich) viele Menschen in Untersuchungshaft. Die Haftrichter geben
dabei den Anträgen der Staatsanwaltschaft statt, die diese als weisungsgebundene
Behörde im Auftrag der Landesregierung stellt. Wenn in der Öffentlichkeit
ein soziales Verhalten zur Krise thematisiert wird, durch Medien, Wirtschaftsverbände,
Lobbyvertreter oder Parteien, werden Haftbefehle erlassen um der Öffentlichkeit
Erfolge im Kampf gegen Kriminalität zu präsentieren. Das kann
1. Mai Randale und Antifa-Aktionen genau so betreffen wie Einbrüche,
steuerfreien Kippenhandel, Drogenszene, Graffiti oder jugendliche Intensivtäter.
Für manchen führt sogar schon Schwarzfahren, Hütchenspiel
oder Scheibenputzen an Ampeln (Nötigung) in die U-Haft. Fast alle
Untersuchungshäftlinge sitzen unzulässig in Haft, weil sie weder
Absicht noch Möglichkeiten zum Untertauchen haben. Eine Fluchtgefahr
wird konstruiert, um Aussagen und Geständnisse zu erpressen, ein
repressives Klima zu schaffen und um die Gefangenen vor ihrem Prozess
gefügig zu machen. In Berlin steigt die Strafhöhe stetig an,
die Möglichkeit nach 2/3 Verbüßung auf Bewährung
frei zu kommen, wie es das Gesetz vorsieht, besteht statistisch nur für
8 % der Gefangenen. Die anderen sitzen bis zum letzten Tag. Für die
menschenverachtenden Zustände in den Haftanstalten liegt die Verantwortung
unter anderem bei den Medien, die die Mär vom „Hotelvollzug“
erzählen und den Scharfmachern in Parteien und Behörden. Diese
Sicherheitsexperten lassen den Gefangenen nur die Wahl gebrochen oder
als tickende Zeitbomben entlassen zu werden. Beispielhaft zeigte sich
das in der Jugendhaftanstalt Plötzensee. Frontstadtberliner aus der
benachbarten Kleinkartenkolonie fühlten sich durch türkisch/arabische
Jugendliche belästigt, die ihre dort inhaftierten Freunde besuchen.
Ein Fernsehteam vom RBB wurde informiert, welches sich nachts auf die
Lauer legte, um das „Pendeln“ (weiterreichen von Dingen zwischen
den einzelnen Zellen von Fenster zu Fenster) zu filmen. Daraus wurde ein
reißerischer Beitrag über Handy- und Drogenschmuggel. Anonyme
Schließer klagten zusätzlich ihr Leid. Nach einer wochenlangen
Begleitkampagne in den Zeitungen wurden in der Jugendhaftanstalt zusätzliche
Drahtsiebe an den Fenstern angebracht, diese lassen kaum noch Tageslicht
durch. Die Gefangenen mussten ihre Privatkleidung abgeben und der Besitz
von persönlichen Gegenständen wurde eingeschränkt, Sportgruppen
gestrichen, Durchsuchungen verstärkt, neue Kameras installiert und
Aufschlußzeiten verringert.
Als Lösung für alle Justizskandale und Überbelegung soll
ein neuer Knast in Großbeeren gebaut werden. Das bedeutet mehr Menschen
sollen ihrer Freiheit beraubt und dabei noch profitabler ausgebeutet werden.
Dies gilt es zu verhindern! Wer von diesem Bauprojekt politischen und
materiellen Nutzen erlangt könnt ihr selbst recherchieren.
Mit diesen Faktoren wird die Belegungsquote
in den Anstalten reguliert. Auf die verantwortlichen Personen, Firmen
und Behörden muss eingewirkt werden, damit:
die konstruierten U-Haftbefehle aufgehoben werden
Strafgefangene nach 2/3 Strafe freikommen
der Knastneubau in Großbeeren gestoppt wird
Diese Forderungen sind bewusst so formuliert,
daß sie für den Staat theoretisch und praktisch erfüllbar
sind und sowohl im liberalen Spektrum, als auch bei den Gefangenen und
deren Angehörigen nicht für Kopfschütteln sorgen. Die Art
und Weise wie z.B. bürgerliche Medien und ihr Klientel Anteil an
der Versetzung von Oberstaatsanwalt Roman Reusch und dem Verhindern des
REP-Funktionärs Rolf von Niewitecki als sein Nachfolger in der Intensivtäterabteilung
hatten, ist nur eine Möglichkeit von
vielen, Einfluss auf die Justizpolitik zu nehmen. Wir hoffen, das in Zukunft
das Thema Knast nicht mehr nur anlässlich der jährlichen Silvesterdemos
und des 18. März bearbeitet wird, sondern, das sich eine selbstständige
Praxis entwickelt. In den Justizministerien wird an die systemerhaltende
Wirkung geglaubt, wenn sie die Lebensbedingungen der Gefangenen verschlechtern,
wobei auch mal einige von uns abkratzen dürfen. Darauf müssen
wir eine Antwort finden, unabhängig vom Einzelschicksal der (noch)
wenigen politischen Gefangenen.
Wir wünschen uns auch ein deutliches Signal nach München, dass
die radikale Linke nicht bereit ist die skandalösen Verurteilungen
der drei HausbesetzerInnen zu fünf Jahren Jugendstrafe widerspruchslos
hinzunehmen.
Ebenso halten wir Solidaritätsaktionen für Giannis Dimitrakis
und Savvas Xiros für nötig, um dem griechischen Staat unsere
Wut über deren Zustand zu demonstrieren. Dimitrakis wurde als Anarchist
und Bankräuber zu 35 Jahren Haft verurteilt. Seine Misshandlunge
im Knast von Malandrino löste 2007 landesweite Meutereien und Aufstände
unter griechischen Gefangenen aus. Savvas Xiros wurde schwer verletzt
nach einer Bombenexplosion, unter Folter zu Aussagen gezwungen und später
zu lebenslänglich wegen Beteiligung an Aktionen des 17N verurteilt.
Freiheit für alle!
Thomas Meyer-Falk
c/o JVA Bruchsal
Schönbornstr. 32
76646 Bruchsal
Christian Sümmermann
Bnr: 441/08/5
JVA Plötzensee
Lehrter Str. 61
10557 Berlin
Andrea Neff
Bnr: 746/07/2
JVA für Frauen
Arkonastraße 56
13189 Berlin
Marco Camenisch
Postfach 3143
8105 Regensdorf
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